Mary W. Shelley – Frankenstein

Rückseitentext:
„Dem Schweizer Naturwissenschaftler Victor Frankenstein gelingt es, aus Leichenteilen einen menschenähnlichen Körper zusammenzusetzen und ihm Leben einzuhauchen.
Das so entstandene Monstrum begibt sich auf die Suche nach anderen Menschen und nach Liebe, erregt aber überall nur Abscheu. So wird es zum Dämon und tötet, weil es nicht lieben darf.“

Vor einigen Tagen habe ich einen Blogpost zu diesem Klassiker gefunden. Darin schrieb die Autorin, dass das Buch ganz anders wäre, als man es erwartet und deshalb viele Leser davon enttäuscht wären. Das hat mich so neugierig gemacht, dass ich es mir bestellt habe. Eigene Erwartungen hatte ich gar nicht. Obwohl das Frankenstein-Monster-Thema in einigen Filmen und Serien abgeändert eingebunden wird, kann ich mich nicht daran erinnern, je einen Film gesehen zu haben, der den Roman alleine darstellt. Also konnte ich das Buch unvoreingenommen aufschlagen.

Handlung:
Das Überraschende ist, dass es sich um eine Erzählung in eine Erzählung in einer Erzählung handelt. Der junge Robert Walten schreibt Briefe an seine Schwester in denen er ihr von seiner Reise erzählt. Er will den Nordpol durchqueren. Auf dem endlosen Eis entdecken er und seine Crew eine riesige Gestalt auf einem Hundeschlitten hinwegeilen. Kurz darauf erscheint ein weiterer Mann, den sie an Bord ziehen.
Robert Walten, der sich auf seiner Entdeckungsreise einsam fühlt, ist fasziniert von dem Mann und denkt in ihm einen Freund gefunden zu haben, denn beide interessieren sich für die Wissenschaft und die Forschung. Nachdem der gerettete Mann wieder etwas bei Kräften ist, beginnt er Walten seine Geschichte zu erzählen: Die Geschichte von Victor Frankenstein und seinem Monster.

Das schaurige an der Geschichte ist allerdings nicht, wie Frankenstein die Leichenteile zu seinem Wesen zusammensetzt, denn dazu gibt es kaum Details. Es ist viel mehr der Wahnsinn. Er hatte eine gut behütete Kindheit, liebende Eltern, eine engelsgleiche Schwester und einen wundervollen Freund… doch während seines Studiums weit weg von seinem Elternhaus befällt ihm diese gruselige Idee und lässt ihm keine Ruhe, bis sein Werk vollendet ist.
Und als es ihm endlich gelingt und sein Wesen erwacht, bemerkt er augenblicklich, was er angerichtet hat. Der sich erhebende Körper ist riesig und krumm und das Gesicht entsetzlich entstellt. Frankenstein flieht aus seiner Wohnung und lässt sein Geschöpf alleine zurück.
Von da an erlebt er keinen glücklichen Tag mehr. Es plagen ihn Gewissensbisse und Angst. Wohin sein Ungeheuer gegangen ist, nachdem er selbst die Wohnung verlassen hat, weiß er nicht. Doch er wird es bald herausfinden.

Zwei Jahre später sucht ihm das Wesen auf und zwingt ihm dazu, seine Geschichte anzuhören. Diese Geschichte ist traurig und schmerzvoll und gibt der Geschichte eine interessante zweite Perspektive. Am Ende seiner Schilderung verlangt er von Frankenstein, er solle ihm eine weibliche Gefährtin erschaffen. Frankenstein kommt erst seinem Wunsch nach, doch bricht nach langen Überlegungen seine Arbeit an dem neuen Wesen ab. Und so schwört seine Kreatur ihm endlose Rache. Denn wenn er – das Ungeheuer – keine Liebe erfahren darf, so soll Frankenstein alles verlieren, was ihm lieb ist. Es beginnt eine fortwährende gegenseitige Jagt. Nur der Tod kann die beiden von ihrem Schmerz und ihrer Einsamkeit erlösen.
Am Ende kommt das Wesen in Walters Kajüte und richtet das letzte Wort an die Leserschaft.

Mit vielen Gedanken lässt einem das Buch zurück. Wer ist hier der Böse? Victor, der ein fühlendes Wesen erschafft und es dann alleine lässt, sich seiner Verantwortung als Schöpfer entzieht? Oder ist es das Ungeheuer, das Leben auslöscht, obwohl es weiß, dass es falsch ist? Ich finde es alleine schon traurig, dass Frankensteins Wesen immer Unhold oder Ungeheuer genannt wird. Was kann es dafür, dass sein Schöpfer unbedingt den Tod überlisten wollte? Und wieso rennen alle Menschen weg, oder greifen an? Mary Shelleys Geschichte hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor – auch heute noch.

„Frankenstein ist ein Universalschlüssel
zum Unbehagen in der Moderne“

Die Zeit

Bewertung: 5 von 5.

Details:
Erscheinungsdatum: 12. November 2010
Verlag: Aufbau Taschenbuch
Seiten: 251
Originaltitel: Frankenstein or The Modern Prometheus (1818)
Übersetzt von: Ana Maria Brock
ISBN: 9783746626475

Einordnung in ein Genre:
Ist „Frankenstein“ Science Fiction? Was es schon mal nicht ist, ist ein Horrorschocker. Es gibt keine gänsehautbringende Beschreibungen von Victors Gruselwerkstatt, oder den Morden an seiner Familie. Der Horror ist hier das beklemmende Gefühl, das die Geschichte in einem auslöst und hinterlässt.
Doch runtergebrochen auf SciFi-Elemente haben wir einen genialen (wenn auch verrückten) Wissenschaftler, der in seinem Labor ein künstliches Wesen erschafft, das selbstständig denken, lernen und sogar fühlen kann. Damals war es ein Wesen aus Leichtenteilen, heute wäre es ein Android, der irgendwann freidreht. Mary Shelleys Roman gilt auch als Geburtsstunde der Science Fiction Literatur, worüber sich natürlich streiten lässt… doch sie schrieb über etwas, was man für möglich hielt und behandelte dabei auch die Frage, wie weit Wissenschaft gehen darf.

Ich empfinde die Geschichte von Frankenstein und seinem Monster vor allem als gesellschaftskritische Tragödie, die einfach besonders lesenswert ist.

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